Stalag Gedenkraum

stalag_gedenkraumEs ist das dunkelste Kapitel der Felsenmeerstadt: Auf dem Gelände des Sauerland-Parks bestand von 1939 bis 1945 das vermutlich größte Kriegsgefangenenstammlager des Dritten Reiches. Ein Kapitel, das auch im Sauerland-Park Hemer nicht zugeschlagen wird: Eine Informations- und Gedenkstätte informiert über das Stalag VI A.

„Die tägliche Brotration betrug 250 Gramm, also eine Tagesration für einen langsamen Hungertod“, heißt es in den Erinnerungen von Dr. Nikolai Gubarew. Drei Jahre lang war er in dem gerade unter Russen gefürchteten „Lager Hemer“ gefangen. So wie schätzungsweise mehr als 200.000 Menschen vornehmlich aus der damaligen UdSSR, aber auch aus Polen, Frankreich, Belgien und später auch militärinternierte Italiener, die in dem so genannten „Stalag VI A“ dauerhaft oder vorübergehend untergebracht waren. „Von Hemer aus wurden die Gefangenen zur Zwangsarbeit ins Ruhrgebiet, Ostwestfalen oder ins Sauerland geschickt“, erklärt Hans-Hermann Stopsack, Vorsitzender des Vereins für Hemeraner Zeitgeschichte, unter dessen Federführung die Informations- und Gedenkstätte entstanden ist.

Detailgetreue Modellle

Als amerikanische Soldaten am 14. April 1945 das Stalag VI A befreiten, fanden sie grauenhafte Zustände vor. Mehr als 23.000 hungernde und sterbende Menschen hielten sich im Lager auf. Knapp 65 Jahre später steht Wolfgang Ebe (50) vor einem Modell und zeigt auf einen Zaun. 25 Meter, mühevoll zusammengelötet aus mehr als 3.000 Messingstiften. In der Realität waren es 7,5 Kilometer Stacheldraht, die hunderttausenden Menschen die Freiheit raubten. Beinahe ein Jahr hat der Hobby-Modellbauer an der detailgetreuen Nachbildung des Lagers zu Kriegszeiten im Maßstab 1:300 geschnitzt, gelötet und geklebt.

Weit mehr als 2.000 Arbeitsstunden hat er dafür investiert, über zwölf Kilogramm Spachtelmasse verarbeitet. „Und das ehrenamtlich“, lobt Bürgermeister und LGS-Aufsichtsratsvorsitzender Michael Esken dieses außergewöhnliche Engagement. „Es sind beeindruckende sechs Quadratmeter, anhand derer sich unsere Besucher mit der wechselvollen Geschichte des Geländes auseinandersetzen können“, so Esken weiter. Vom Kriegsgefangenenlager über ein Militärgelände zur Landesgartenschau und schließlich zum Sauerland-Park: Die Verantwortlichen sehen sich in der Verwantwortung, fühlen sich mit der Geschichte des Geländes verwoben.

Zusammengepfercht

Neben dem Überblicksmodell hat Wolfgang Ebe ein weiteres Exponat angefertigt und der Gedenkstätte überlassen: „Das Modell im Maßstab 1:87 zeigt die Enge in den Räumen und unter welchen Umständen die Kriegsgefangenen in ihren Unterkünften leben mussten“, erklärt Ebe. Das detailgetreues Schnittbild zeigt eine Steinbaute, die von 1939 bis 1945 dort als Unterkunft diente, wo heute das Grohe-Forum steht. Zu sehen sind drei Stockwerke, in denen Hochbett an Hochbett stehen, sowie eine kleine Kapelle im Dachboden. „Man kann gut erkennen, wie auf kleinstem Raum bis zu 50 Menschen zusammengepfercht wurden“, so Ebe. Ergänzt wird die Austellung durch zahlreiche Fotos, Dokumente und Exponate aus der Zeit des Stalag VI A.

Zeitzeuge berichtet

stalag_gedenkraum_2Die Stalag-Gedenkstätte ist für den Zeitzeugen Emil Nensel (83) etwas ganz Besonderes. Seit Jahrzehnten leistet er Erinnerungsarbeit, informiert Schulklassen und andere Interessierte. Er hat in unmittelbarer Nachbarschaft des Stalags gelebt, kennt die Gräuel aus den Erzählungen seines Vaters, der als Handwerker in dem Lager arbeitete, hat Sie quasi aus dem Küchenfenster seines Wohnhauses gesehen, das nur 25 Meter von einem MG-Turm entfernt stand. Dass heute der Sauerland-Park Hemer an einem Ort entstanden ist, an dem viele Menschen gelitten haben und gestorben sind – das ist für den Hemeraner kein Tabu. „So etwas darf nie wieder passieren und wir dürfen die Opfer nicht vergessen“, sagt Nensel. „Aber wir dürfen uns trotzdem über einen tollen Park freuen.“

Weitere Informationen zur Informations- und Gedenkstätte hat Stadtarchiv Hemer, Eberhard Thomas unter 02372/551-288 oder per Mail an e.thomas@hemer.de.